Entfaltung

Antonia Katharina Marx, 28 Jahre

Venezianische schaukelnde Gondeln, sanft schwebend auf dem Wasser unter warmem Laternenlicht der angrenzenden Straßen und doch stetig vorwärtsgleitend. Vergangenheit ist Zukunft ist Gegenwart. Erlebtes geht in noch zu Erlebendes über. Die Komposition „Vistar“ von Sandeep Bhagwati für ein Streichorchester ermöglicht den Zuschauern eine fast meditative Erfahrung, in der Erinnerungen, Gedankenfetzen und synästhetische Bilder auftauchen, eine Weile den hörenden Geist begleiten und sich dann wasserähnlich wieder in den flirrenden Grundstrom begeben. Die auftauchenden Melodiefragmente komponierte Sandeep Bhagwati, nachdem er von dem Tod eines Freundes in Indien erfahren hatte, erzählt er im Interview. In der Partitur sind sie sortiert in Remember-, Hope- und Think-Fragmente, die mit verschiedenen improvisatorischen Interpretationsanweisungen verbunden sind. So erklingen in der Aufführung auch andere für den jeweiligen Spieler bedeutsame Melodien, Verarbeitungen von Fragmenten und neue Klänge fernab des klassischen Gebrauchs der Instrumente.

In diesem zweiten Werk des Eröffnungskonzertes zum ECLAT-Festival 2020 trifft ein Amateurensemble, das Junge Streichorchester Weil in Schönbuch, auf Profis, Musikerinnen und Musiker des Stuttgarter Kammerorchesters. Räumlich angeordnet in zwei Kreisen mit Blick nach innen, um einen Mittelpunkt, der analog zu einer im asiatischen Raum gängigen Vorstellung, ein leeres Zentrum ist. Das Publikum hätte in einem dritten Kreis um die durch Bühnenlicht hell beleuchtete Mitte positioniert werden sollen, verrät der Komponist weiter. Im inneren Kreis spielt das Stuttgarter Kammerorchester sich langsam entfaltende Melodien aus einer der beiden Partituren, „Vistar [Prakriya]“. In einem äußeren Kreis stehend, lässt das Junge Streichorchester Weil in Schönbuch einen konstanten Tonraum erklingen, der lebendig zu fließen und zu surren scheint. Geschaffen mithilfe von musikalischem Material und Spielanweisungen der Partitur „Vistar [Tanpura]“. Tanpura ist eine Langhalslaute, ein indisches Borduninstrument und wird hier durch eine ganze Gruppe von westlichen Streichern verkörpert. So klingt der Bordun einmal hell und spitz und ein anderes Mal dumpf und sich in die Breite weitend.

Notwendig für das Spielen dieses Parts der Partitur ist ein ständiges Wachsam-sein und einander gut Zuhören, was erfahrungsunabhängig sehr anspruchsvoll sei, erläutert Sandeep Bhagwati, was den jungen Musikern und Musikerinnen überzeugend gelingt. Auch das Stuttgarter Kammerorchester erschafft mit den Melodiefragmenten und unterschiedlichen Klangfarben von dunkel und saftig bis leicht und flatterig, überzeugend und inspirierend einen Erfahrungsraum. In diesem werden verschiedene kleine Ereignisse und Entwicklungen hörbar, lösen einander ab oder gehen in einander über und scheinen den Grundklang wie tanzende Lichtgruppen zu umspielen. Einzelne Stimmgruppen wechseln sich hierfür ab mit der Führung. Einen Dirigenten gibt es nicht, einzig gestische Zeit-Zeichen einzelner Musiker. Hervorragend gelungen ist die Verschmelzung der Klangfarben beider Orchester, mitunter entsteht gar der Eindruck eines großen Schwarms, der kurz danach wieder in Einzelfragmente auseinander geht.

Konträr zur westlichen Auffassung entsteht Musik im indischen Verständnis nicht aus der Stille heraus, sondern aus dem Klang: Das Universum ist als solches schon ein klingendes. „Vistar“ beginnt und endet mit einem flimmernden Bordun. Diesen Klang trägt man nach dem Konzert mit, wie ein kleines Geschenk, das sich nun im Inneren weiter ausbreitet. So, als hätte man eine Weile darin gebadet, schwebt er um die Vorstellung und in den Gedanken herum, als könnten sich jederzeit neue Melodien und Fragmente in der eigenen Vorstellung daraus formen. Nach dem Verklingen des Konzertes singt sich dieser Klang im inneren Ohr nach und fordert dazu auf, weitere Melodien und Entwicklungen wie kleine Ereignisse zu weiteren Klanggebäuden aufzubauen –  so wie Wellen, die sich kurz schwungvoll oder wiegend auftürmen, um dann in ihrer eigenen Bewegung wieder zurückfließend im Grundklang zu versinken. Damit wiederholt sich beim Hinausgehen die Erfahrung des Konzertes, dessen Titel „Vistar“ auf Deutsch „Entfaltung“ bedeutet.