Töne eines menschlichen Universums

Antonia Katharina Marx, 28 Jahre

Ein kleiner weißhaariger Mann betritt allein die schwarze Bühne. Sie ist leer bis auf Notenständer und Lampen, gestellt in zwei Inseln. Werden entgegen der Ankündigung im Programmheft, die James Dillon‘s „The Freiburg Diptych“ als Komposition für Solovioline, Zuspiel und Live-Elektronik ausschreibt, noch mehr Musiker kommen? Der Mann geht zügig und fast beiläufig zu einer von diesen Inseln im rechten Bühnenraum. Es wirkt wie eine eigene Inszenierung, in der Irvine Arditti auftritt, kurz bevor er die Zuhörer*innen mit seiner Geige in den Bann ziehen wird.

Er trägt für musikalische Kontexte außergewöhnlich bequem aussehende Kleidung, die Bewegung ermöglicht. Als könnte man darin auch gut tanzen. In der Hand eine im Bühnenlicht schimmernde, goldbraune Geige. Sie sticht zusammen mit seinem weißen Haar aus der sonst eher spärlich beleuchteten Bühne heraus. Diese Bilder könnten Illustrationen aus einem Märchenbuch sein, die eine große Geschichte über die Musik einer Geige oder ein Abendteuer eines einzelnen Mannes mit seinem Instrument vermuten lassen. 

Und dann ertönt ein zarter, kaum hörbarer Ton, der in sich jedoch die Dichte des gesamten Universums zu enthalten scheint. Arditti lässt präzise, schnell aufeinander folgende leise Impulse und zarte Klänge, abgewechselt mit tiefen, rauen und kernigen Tönen erklingen und elektrisiert damit den schwarzen Raum. Das für ihn geschriebene Werk beginnt sich mit großer Intensität und sehr differenziertem Tonansatz in seiner Dynamik zu entfalten. Überrascht und verzaubert wird das Publikum durch weitere Geigenstimmen, die, ergänzt durch elektronische Klänge, durch den Raum wandern. Es sind Aufnahmen, die er vorher eingespielt hat, verrät Arditti später.

Das Stück besticht vor allem durch die unglaubliche Präsenz des Spiels von Irvine Arditti, der sich die Zuhörer*innen unmöglich entziehen können. Man hört zu, wartet, lässt die Muster sich langsam entwickeln – ohne Melodien zu finden, denen man klar folgen könnte. Es ist eine zarte, und dennoch vor Spannung zu bersten scheinende Welt, in die er führt. So fällt es leicht, sich auf den großen und gleichzeitig intimen Raum einzulassen, der sich zwischen Geige und Publikum ausbreitet. Es entsteht das Gefühl, dass sich über jeden einzelnen Ton Menschlichkeit mitteilt.